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Interview mit Privatdozent Dr. Dimitrios Linardatos

Am 14. April 2021 hat sich Dr. Dimitrios Linardatos mit einer Arbeit über „Autonome und vernetzte Aktanten im Zivilrecht – Grundlinien zivilrechtlicher Zurechnung und Strukturmerkmale einer elektronischen Person“ an der Fakultät für Rechts­wissenschaft und Volkswirtschafts­lehre der Universität Mannheim habilitiert. Betreut wurde die Arbeit von Professor Dr. Georg Bitter, Inhaber des Lehr­stuhls für Bürgerliches Recht, Bank- und Kapital­markt­recht, Insolvenzrecht.

Anlässlich seiner Habilitation traf sich Frau Dr. Anuschka Holste-Massoth (Dekanat) mit PD Dr. Dimitrios Linardatos zum Gespräch.

Anuschka Holste Massoth: Lieber Herr Linardatos, erst einmal herzlichen Glückwunsch zur Habilitation! Wenn ich es recht sehe, ist Ihr Lebens­lauf für Juristinnen und Juristen in Deutschland nicht gerade üblich?

Dimitrios Linardatos: Vielen Dank! Ja, das kann man schon so sagen. Wie mein Name schon verrät, stamme ich aus Griechenland. Ich bin dort geboren. Meine Eltern entschieden aber 1989 nach Deutschland auszuwandern – im kleinen Auto, mit etwas Gepäck und mit mir auf dem Rücksitz. Zuerst hat meine Familie in Göttingen und dann in Hann. Münden ein griechisches Restaurant betrieben. Am Ende haben verschiedene Zufälle dazu geführt, dass ich Jura studiert habe.

AHM: … denn eigentlich wollten Sie einen ganz anderen Beruf ergreifen?

DL: Mein Berufswunsch nach dem Abitur war der Polizeidienst. Der Gedanke, als Auswandererkind verbeamtet werden zu können, war damals ein Traum. Zwischen dem Abitur und dem nächsten Termin für den Einstellungs­test bei der Polizei lagen über 6 Monate. Ich wollte die Zeit sinnvoll überbrücken, hatte aber keinen Plan, wie das aussehen könnte. Es war dann am Ende meine Mutter, die aus einer Laune heraus einen pragmatischen Vorschlag machte: „Polizei hat etwas mit Recht zu tun, Jura hat mit Recht zu tun – schreib dich doch irgendwo in Jura ein“. Das gab irgendwie den Ausschlag, mich auf Studien­plätze in Jura zu bewerben, aber nicht nur. Ich schickte auch Bewerbungen für ein Biologiestudium ab. Letztlich landete ich für das Jurastudium in Marburg. Weil es die Uni war, die zuerst zusagte und es nicht so weit weg von zu Hause war. So konnte ich noch im Restaurant helfen. Es sollte ja eigentlich ohnehin nicht für Lange sein.

AHM: Der pragmatische Vorschlag scheint aber eine nachhaltige Wirkung gehabt zu haben. Gab es einen bestimmten Moment, in dem Sie sich bewusst für Jura und gegen den Polizeidienst entschieden haben?

DL (lacht): Das kann man irgendwie sagen, ja. Im ersten Semester war eine „schicksalhafte“ Entscheidung nötig: Der Termin für den Einstellungs­test bei der Polizei in Rheinland-Pfalz fiel auf den Tag, an dem die erste Klausur in der Propädeutischen Übung im Zivilrecht stattfinden sollte. Natürlich zählte die Juraklausur damals nichts, es war nur eine Übung. Trotzdem hatte ich das Gefühl, ich müsse mich entscheiden.  Das Studium aufzugeben konnte ich mir in dem Moment nicht vorstellen, weil ich mich in Marburg wohl fühlte und mir das Studium große Freude bereitete, also schrieb ich die Übungs­klausur und entschied mich gegen den Einstellungs­test... Obwohl ich die Klausur nicht sonderlich rühmlich bestand, dachte ich nie wieder darüber nach, zur Polizei zu gehen.

AHM: Was hat Sie denn dazu bewogen, eine wissenschaft­liche Karriere zu verfolgen? Mit den schwindelerregenden Gehältern in der Wirtschaft kann eine Stelle an der Uni ja nicht mithalten. Gab es da einen bestimmten Moment im Studium oder später im Referendariat?

DL: Nein, im Studium oder im Referendariat dachte ich überhaupt nicht darüber nach, in die Wissenschaft zu gehen. Vermutlich auch wegen meines Backgrounds. Das traute ich mir ehrlich gesagt gar nicht so richtig zu. Die Promotion war schon eine große Sache für mich. Ich sah mich damals noch eher als „Arbeiter“ und nicht als „Denker“ (lacht). Obwohl ich es schon immer mochte, über ein Problem zu knobeln. Aber das kann man ja auch in der Praxis. Nach dem zweiten Staats­examen wurde ich deswegen Anwalt in einer Wirtschafts­kanzlei in Düsseldorf.

AHM: Und was gab den Anstoß, sich trotzdem komplett neu zu orientieren?

DL: Wie so häufig, wenn das Leben eine gute Wendung nimmt, spielten glückliche Fügungen und nette Menschen eine Rolle. In der Anwaltschaft war ich damals nicht ganz zufrieden. Ich hatte irgendwann das Gefühl, dass ich nicht genug aus dem im Studium erlernten Handwerkszeug machte, dass ich vielleicht irgendwas anderes hätte probieren müssen.

In dieser Phase des Suchens überraschte mich eine Anfrage von Professor Carsten Herresthal für eine Kommentierung im Bankrecht. Wir kannten uns gar nicht persönlich, er hatte nur Publikationen von mir gelesen. Das las offensichtlich tatsächlich jemand (lacht)! Er fragte mich während des Autorentreffens für den Kommentar, warum ich eigentlich nicht in der Wissenschaft sei. Er hat mich schließlich ermutigt, diesen Schritt zu gehen. Sein Vorschlag und seine Unter­stützung brachten alles ins Rollen. Herr Herresthal war es dann auch – weil er keine freie Stelle an seinem Lehr­stuhl hatte –, der den Vorschlag machte, mich bei Herrn Professor Bitter zu bewerben. Ein reiner Glücksfall. Meine Bewerbung erreichte ihn als er gerade darüber nachdachte, eine Assistentenstelle einzurichten. Er empfand das wohl auch irgendwie als „schicksalhaft“. Er nahm mich dann 2016 als Assistent an, was schon ungewöhnlich ist, weil sich akademischer Lehrer und Schüler in der Regel vorher kennen. Das war hier nicht so und trotzdem hätte es nicht besser laufen können. Seiner Förderung und Unter­stützung ist es zu verdanken, dass ich jetzt habilitiert bin.

AHM: Wenn ich noch einmal auf den Anfang unseres Gesprächs zurückkommen darf: Sie besitzen das, was man als klassische Migrations­geschichte bezeichnen kann. Ihre Eltern sind keine Akademiker, Sie haben Ihre Ausbildung in Deutschland erhalten. Gibt es etwas, das Sie jungen Menschen mit ähnlichem Hintergrund mit auf den Weg geben wollen?

DL: Puh, das ist nicht so einfach. Es existiert nämlich kein „Geheimrezept“ für diesen oder jenen Erfolg. Man sieht ja bei mir, wie viele Zufälle eine Rolle spielten. Aber es müssen auch die Strukturen stimmen. In Griechenland wäre aus mir vermutlich ein ganz anderer Mensch geworden. Es ist dort schon schwieriger, einen guten Schul­abschluss zu machen. Für ein gutes Abitur ist man in der Regel auf „Repetitorien“ angewiesen, auf Privat­unter­richt, den man privat bezahlen muss – wenn man kann. Die Bedingungen in Deutschland sind nicht zu vergleichen. Es fällt auch hier einem nichts vor die Füße, aber es gibt Strukturen, die es prinzipiell ermöglichen, voranzukommen. Viele junge Menschen aus Familien mit Migrations­geschichte und nicht-akademischem Hintergrund haben aber nach meiner Erfahrung mit bestimmten Unsicherheiten zu kämpfen. Sie fragen sich, ob sie in einer „akademischen Welt“ richtig aufgehoben sind, weil die Eltern und die Großeltern eben nicht studiert haben, weil sie in einem ganz anderen sozialen Umfeld aufwachsen sind. Viele junge Menschen haben keinen Plan, was nach der Schule kommen soll und sie trauen es sich vielleicht auch nicht zu, manche Dinge auszuprobieren. Wenn ich also etwas raten sollte: Die Unsicherheiten sind vollkommen normal; lasst Euch nicht allein davon leiten. Es ist nicht der Background, der entscheidet, ob man für einen Beruf geeignet ist.

AHM: Wenn ich fragen darf: Wie geht es jetzt für Sie weiter?

DL (lacht): Jetzt kommen sozusagen die „Lehr- und Wanderjahre“ des Privatdozenten. Ganz konkret ist der nächste Schritt erst einmal die Drucklegung der fertigen Arbeit. Ansonsten auf Lehr­stuhl­stellen bewerben und hoffen, dass man eine passende Stelle angeboten bekommt. Der Rest wird sich zeigen.

AHM: Dann wünsche ich Ihnen viel Erfolg bei den nächsten Schritten und bedanke mich für das Gespräch!